Das verlorene Wort
Dirk schrieb am 4. Februar 2005 um 8:08 Uhr (545x gelesen):
Hi Jenere
Diese Aussage möchte ich unterstütztn und erweitern:
1. Das Wort ist ein abstakter Lernbegriff
d.h. über die Zeit hinweg erlernen wir ständig neue Worte (Vokabeln), die wir mithilfe von Erklärungen und Erlebnissen mit Sinninhalten füllen. Diese Erklärungen und Erlebnisse können durchaus bei verschiedenen Menschen unterschiedlich sein. Dies führt dazu, daß es passieren kann, daß zwei Leute, die das gleiche Wort benutzen, zwei vollkommen unterschiedliche Dinge meinen.* Letztlich ist in diesem Sinne das Wort ein "Etwas", auf das sich die verschiedenen Menschen einigen (oder eben nicht). In diesem Punkt zeigt sich auch, daß jeder Mensch sich selbst seine eigene Realität erschafft und sie auch ganz individuell benennt.
2. Die eigene Wichtigkeit
Es ist das "oder aber nicht", das ich hier meine. Der Effekt, daß zwei Personen mit ein und dem selben Wort zwei verschiedene Inhalte verknüpfen, ist ansich schon problematisch genug. Passiert es in diesem Zusammenhang aber zusätzlich noch, daß eine oder beide Personen sich selbst für derart wichtig erachten, daß eine Änderung eines Sinninhaltes aus Prestige- und Machtgründen nicht akzeptiert wird, entsteht zwangsläufig das, was du beschrieben hast und was erfragt wurde: Missverständnisse. Eine Kommunikation ist in diesem Fall sinnlos und führt nur zu Verletzungen.
*Beispiel:
Es gibt viele Worte, die auf vielfältige Weise mit Sinninhalten gefüllt werden. Je abstrakter die Worte sind, desto mehr Varianten gibt es. Das Beispiel, das ich anführen möchte, ist der Begriff "Gott".
- Für die Einen ist Gott der Himmlische Vater, nach dessen Ebenbild der Mensch geschaffen ist. Dementsprechend besitzt Gott sowohl Hände, als auch Füße, ein Herz, Lungen, eine Leber u.s.w. Er besitzt ebenfalls 5 Sinne, mit denen er Informationen aufnimmt, einen Mund, mit dem er spricht u.s.w. und natürlich auch ein Geschlecht. In sehr vielen Fällen wird das Geschlecht Gottes als das männliche Geschlecht akzeptiert.
- Für Andere trifft es zu, daß Gott das Überwesen schlechthin ist. Er besitzt zwar eine geschlechtliche Zuordnung (männlich), aber es ist absolut undenkbar, daß er auch wirkliche Geschlechtsorgane besitzt, da Sexualität für ihn uninteressant ist (ja, entsprechend der Meinung vieler Leute sogar sexualfeindlich eingestellt sein müsste, da Sex ja nicht das Zeichen von Göttlichkeit sei, sondern von dämonischer Natur). Diese Leute wehren sich vehement dagegen, daß Gott "menschlich" sei. Er sei eher "übermenschlich".
- Wieder eine Gruppe von Menschen setzen Gott mit der Natur gleich. Für sie ist Gott so als Persönlichkeit gar nicht existent, sondern nur ein anderer Begriff für Natur.
- Wieder Andere meinen, Gott könne nicht Natur sein, da sie die Natur als eine Schöpfung verstehen, die von einem Schöpfer (wahrscheinlich einem gebärfähigen Wesen - sprich sehr viel eher Göttin denn Gott) erschaffen worden sei. Sie schreiben Gott (oder Göttin) übermenschliche Liebe, aber auch Logik zu.
- Manch Einer meint, daß das vorige Bild schon fast richtig sei, daß jedoch Gott außerhalb der Sexualität anzusiedeln sei und es für uns daher gar nicht möglich ist, Gott als männlich oder weiblich zu definieren. Im Grund sei "es" beides und nichts von beidem. Für diese Leute ist Gott vielmehr eine Kraft ohne Persönlichkeit, eine Kraft, die zwar logisch ist, aber nicht menschlich. Diese Kraft habe nur das eine Ziel: Aufbauen und Vervollkommnen.
Es gibt natürlich noch sehr viel mehr Definitionen, aber schon allein an dieser Aufzählung zeigt sich leicht, welche unterschiedlichen Ansätze dadurch Menschen haben, Missverständnisse zuzulassen und - so sie beharrlich auf ihre eigene Unfehlbarkeit pochen - Streit bis hin zu Kriegen erzeugen können.
Gruß Dirk
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