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re: Gibt es überhaut qualifizierte Traumdeuter?
anton * schrieb am
20. Mai 2006 um 9:35 Uhr (753x gelesen):
Traumdeutung
Zu deiner Frage bin ich auf folgendes gestossen. Es ist quasi die Stellungnahme der "Wissenschaftler". Wer den Bericht liest, stellt fest, dass die Wissenschaft das Transzendente (Intuition des Deuters) gänzlich ausser acht lässt. Trotzdem kann ich einigen Erkenntnissen durchaus zustimmen.
Gruss anton
Im Traumdeuterforum werden immer wieder Träume geschildert, mit dem Wunsch, dass man sie deuten möge oder zumindest werden Vorschläge für die Deutung erbeten.
Aus psychologischen (genauer: psychoanalytischen und tiefenpsychologischen) Gesichtspunkten ist es unsinnig, dass andere einem die Träume "deuten". Davon handelt der vorliegende Artikel. Auch davon, wie eine sinnvolle Arbeit am Trauminhalt bestenfalls vor sich gehen kann.
Dazu gibt es ein Beispiel von "Herr Träumer". Es soll als Beispiel dienen für eine Methode des Umgangs mit Träumen, die sich in langjähriger Praxis als die "sinnvollste" erwiesen hat.
Zunächst ein paar Sätze zur
1. Geschichte des Traumdeutens:
Dass Träume irgendeine verborgene Botschaft enthalten könnten, dieser Glaube ist sicher so alt wie die Menschheitsgeschichte. Aus älteren Dokumenten kann man entnehmen, dass in der Regel eine Weissagung über die Zukunft darin vermutet wurde. Leider sind antike echte Traumberichte selten. Es sind meist artifizielle Traumberichte wie z.B. die Träume des Mundschenks und des Bäckers des Pharao in Genesis 40.5-19 und die Träume des Pharao selbst in Genesis 41.1-36 (7 fette Kühe werden von 7 mageren Kühen aufgefressen und dann ähnliches nochmal mit Ähren), die jeweils von Joseph gedeutet werden.
Diese Stellen sind historisch interessant, weil sie Auskunft über eine Form des antiken Umgang mit Träumen geben: Joseph sagt in 40.8: "Ist nicht das Deuten von Träumen Gottes Sache? Aber erzähl mir einmal!" und in 41.16 heisst es: "Ich keineswegs! Gott selbst wird dem Pharao zum Heile eine Antwort geben". Und dass in diesem Kontext die Fähigkeit des Deutens als göttliche Weisheit angesehen wird, zeigt sich dann endlich in 41.39: "Nachdem dich Gott das alles wissen liess, gibt es niemand, der so verständig und weise wäre wie du!"
Also nicht nur der Traum selbst ist - nach dieser Denkweise - von den Göttern gegeben, sondern auch die Begabung, ihn zu dechiffrieren. Dass schon früh die Idee aufkam, dass Träume eine Art Geheimsprache sind, die nur von Eingeweihten verstanden wird, das zeigt auch die Form von Initiationsträumen, wie sie besonders im sibirischen Schamanismus vorgefunden wurden: Sie enthalten tatsächlich Standard-Elemente, die regelmässig darin auftauchen, obwohl die Initianden von den Initiatoren nicht vorher darüber aufgeklärt wurden (z.B. der träumende Initiand klettert auf einem Baum in den Himmel und fällt in Stücke zerrissen auf die Erde zurück). Auch der Traum des Jakob von der Himmelsleiter ist ein solcher Initiationstraum, Gen. 32.29, in dem er folgerichtig auch seinen Sakralnamen (Jizra'el) bekommt.
Ein weiteres berühmtes Beispiel einer antiken Traumdeutung (die allerdings so kristallklar ist, dass man vermuten muss, dass sie ein Kunstprodukt ist), berichtet Artemidoros über einen Traum des Alexander, als er die Stadt Tyros belagerte. Er träumte von einem tanzenden Satyrn (griech. satyros). Der Traumdeuter Aristandros deutete das so, dass damit von den Göttern vorhergesagt worden sei, dass Alexander Tyros beim Angriff einnehmen werde: er deutete "satyros" als "sa" (dein) + "ist" + "tyros" (Tyros).
Aristoteles bemerkt bereits genaueres über die Art der Kunst des Traumdeuters, obwohl auch noch hier vorausgesetzt wird, dass ein anderer, und nicht der Träumende selbst, die Deutung liefert: In "Über die Auslegekunst der Träume" stellt er Träume in Analogie zu verzerrten Spiegelungen auf der Wasseroberfläche, und der Traumdeuter versteht sich - analog - darauf, daraus die realen Gegenstände wiederzuerkennen.
Eine sehr inhaltsreiche Traumtheorie der europäischen Antike gibt dann Anfang des 2. Jhdt. Artemidoros in seinen "Oneirocritica". Hier werden bereits, wie Freud in seiner Traumdeutung bemerkt, nicht mehr ausschliesslich Elemente aus Symbollisten zur Deutung herangezogen, sondern auch persönliche Daten und Lebensumstände des Träumers selbst. Aber immer noch ist der Träumer am Deutungsprozess unbeteiligt.
Eine entscheidende Wendung in der Methode kommt erst mit Freuds Traumdeutungstheorie und -praxis. Jetzt spielen die Assoziationen des "Deuters" überhaupt keine Rolle mehr, sondern ausschliesslich die des Träumers selbst. Die Rolle des vormaligen Deuters geht hier über in die Aufgabe, dem Träumer im Gespräch Anstösse für eigene Assoziationen zu geben. Aber in dem Verfahren, das Freud selbst darstellt an zahllosen Beispielen, zeigt sich, dass er doch noch eine "Liste" von Standarts kennt (C.G. Jung hat diese dann als in der Geschichte der Menschen überlieferte Konstanten des Bewusstseins - Archetypen - interpretiert), und diese Kenntnis wendet er im Gespräch mit dem Träumer an.
Das Wesentliche an Freuds Erkenntnis ist aber dennoch, dass der Traum zwar einen hinter der Erzählung des erinnerten Traumes, dem "manifesten Trauminhalt", liegenden sog. "latenten Traumgedanken" enthält, dass dieser sich aber ausschliesslich im unmittelbaren Gespräch mit dem Träumer erschliesst. Die Ferndeutung eines z.B. schriftlich niedergelegten Traumes ohne direkten Austausch mit dem Träumer ist demnach absolut sinnlos.
Dass bei so einer austauschlosen "Ferndeutung" unter Zuhilfenahme bekannter Traumfiguren dennoch oft irgendetwas dem Träumer sinnvoll Erscheinendes herauskommt, liegt einfach daran, dass die Entwicklung des Bewusstseins kulturabhängig doch eine relativ einheitliche ist, aber eine Deutung des aktuellen Traums und ggf. ein Hinweis auf eine aktuelle Problem(lösungs)struktur des Träumers liegt auf gar keinen Fall darin!
Deshalb ist es auch sinnlos, wenn manche hier nach Hilfe für die Deutung ihrer Träume fragen: Die Assoziationen fremder Personen helfen überhaupt nicht und die Anwendung von immer noch in verschiedenen Schulen kursierenden Traumsymbollisten hat sich als irreführend erwiesen: Sie bringen irgendetwas Interessantes, aber jedenfalls nicht den aktuellen latenten Traumgedanken zum Vorschein.
Zusätzlich konnte Freud bestimmte Formen der Bewusstseinstätigkeit entdecken (er nannte das "Traumarbeit"), mit denen die Bilder gestaltet werden. Dazu gehören neben der Verwendung von Standardsymbolen ("Treppe", "Brief" usw.) die Formen der "Verdichtung" und der "Verschiebung" (die ich aber hier nicht weiter beschreiben will). Auch die anderen Kompositionstechniken und Funktionen des Traums - wie aktueller Tagesanlass, Erhaltung des Schlafes, Wunscherfüllung - bleiben unerwähnt.
Neuere Verfahren sehen von einer Vorkenntnis von Standards vollständig ab. Ob z.B. jemand, in dessen Traum ein Auto vorkommt, tatsächlich damit etwas denkt, das mit seiner Subjektivität (oder Selbstgefühl o.ä.) zu tun hat, weil "auto(mobil)" griech./lat. nun mal "selbst(bewegend)" heisst, das kann zwar sein, aber es hängt eben von dessen eigener Assoziation ab, und die kann hier nur dann in diese Richtung gehen, wenn der Träumer diese Übersetzung kennt.
2. Ein Beispiel:
Als bestes Verfahren hat sich erwiesen, die gemeinsame Arbeit mit dem Träumer in einer speziellen Gesprächsform zu gestalten, bei der ausschliesslich Fragen gestellt werden. Um zu erläutern, wie das aussehen könnte, möchte ich hier das fiktive Beispiel von "Herrn Träumer" nehmen, weil sich sein kurzer Bericht dafür sehr eignet. Und da er ihn hier publizierte, wird er es ja auch nicht als indiskret auffassen - zumal ja keine Deutung daraus folgt. Es soll nur zeigen, welcher Art Fragen möglich sind (und hier sicher gestellt werden würden).
Wichtig ist dabei, dass hier lediglich ein paar Fragevorschläge genannt werden, und dass das weitere Gespräch bei jeder einzelnen Frage natürlich einen Verlauf nehmen würde, der von der jeweils unmittelbaren Reaktion bzw. Antwort von Herrn Träumer abhinge. Die Liste von Fragen gibt also keineswegs einen möglichen Gesprächsverlauf wieder...
Ferner kommt eine wichtige Komponente hier nicht zum Tragen, die ich bei meinen traumanalytischen Gesprächen immer dabei habe: Die Fragen werden so gestellt, dass der Gesprächspartner sich in den aktuellen Traum (gewissermassen mit einer Art "Eigen-Empathie") zurückversetzen kann. Dadurch ist er nicht mehr allein auf seine kognitive (und damit bereits in Sprache übersetzte) Traumerinnerung angewiesen...
Der Traumbericht lautet:
meine Wohnung ist nur unter Schwierigkeiten und körperlichen Anstrenungen erreichbar ... halsbrecherische leitern, Klimmzüge über hohe Absätze undsoweiter.....
Hierbei ist zu bemerken,
1. dass dies sicher eine Kurzfassung des Berichtes über seine Traumerinnerung ist. In einem Gespräch würde er diesen Bericht sicher wiederholen und dabei noch mehr Details erinnern
2. dass sich in die Traumerzählung selbst bereits Rückfragen, Verständnisfragen usw. einmischen würden (was natürlich hier nicht vorweggenommen werden kann)
3. habe ich die Schreibfehler stehen gelassen, gehe aber nicht auf sie ein, obwohl sie hier vermutlich auch Bedeutungsträger sind
meine Wohnung
was ist damit gemeint? inwiefern ist es "deine"?
lebst du alleine darin? (weitere Fragen hängen von der Antwort ab...)
hat sie etwas charakteristisches? etwas besonderes?
wäre sie ohne weiteres austauschbar?
unter Schwierigkeiten
welcher Art sind diese Schwierigkeiten?
kannst du sie unter einem Sammelbegriff zusammenfassen?
körperliche Anstrengung
wie würdest du beschreiben, welcher Art diese sind?
welche Tätigkeit erfordert ähnliche körperliche Anstrengungen?
erreichbar
ist es für dich geläufig, zu sagen "ich erreiche meine Wohnung"?
Kommentar: Üblich ist ja "ich komme in meine Wohnung". Bei diesem Ausdruck fällt ja auf, dass hier ein Perspektivwechsel [subjektiv → objektiv] vorliegt, der sich auch im Unterschied "nach Hause kommen" → "nach Hause gehen" zeigt. Da auch die Assoziation "zu sich (selbst) kommen" hier nahe liegt, und wenn, dann negiert oder "behindert" [!?], bzw. selbst-"entfremdet" [!?] als "sich erreichen", ist äusserste Vorsicht geboten, dass man den Gesprächspartner nicht darauf stösst, sondern ihn allenfalls selbst darauf kommen lässt. Naheliegende Assoziationen nimmt das Bewusstsein nämlich gerne auf, um zu Verdrängendes durch Ablenkung abzusichern. Ohne Zweifel wird hier auch jeder erfahrene Traumanalytiker für sich das Zitat "erreicht [!!] den Hof mit Müh und Not" im Hinterkopf haben [na?]. Ebenfalls Vorsicht: Es ist ja nicht sicher (mit Verlaub, Herr Träumer *smile*), dass der Träumer das Zitat selbst kennt... und wenn, dann könnte sich darin schon eine grosse Brisanz des latenten Traumgedankens andeuten...
halsbrecherische Leitern
was ist an diesen Leitern halsbrecherisch?
wieso sind Leitern halsbrecherisch?
sind Leitern immer halsbrecherisch?
was für andere Dinge/Tätigkeiten kennst du, die du halsbrecherisch nennen würdest?
was für Leitern sind es? wie sehen sie genau aus?
was sagt dir der Ausdruck "Leiter" sonst noch?
bei welcher Gelegenheit hattest du zuletzt mit "Leiter" zu tun?
ist auf Leitern zu steigen immer nur anstrengend?
welche Bewegungen macht man dabei?
Kommentar: Hier wäre vorsichtig zu erfragen, ob der Träumer von sich aus assoziiert "rhythmische Bewegung der Glieder - und zwar im Wechselschritt, wie, wenn man auf allen Vieren läuft". Darauf dürfte man ihn aber nicht stossen.
Klimmzüge
sind das, was du da machst, tatsächlich Klimmzüge?
wie sieht genau die Szene aus, in der du Klimmzüge machst?
wie und wo macht man normalerweise Klimmzüge im sportlichen Sinn?
unterscheidet sich das von den Szenen im Traum?
der Ausdruck Klimmzüge machen kommt auch sonst in der Alltagssprache vor: was meint man dann damit?
was genau tut man, wenn man einen Klimmzug macht?
Kommentar: Hier wäre vorsichtig zu erfragen, ob der Träumer den Ausdruck "sich hochziehen" von sich aus assoziiert. Auch hier dürfte man ihn nicht darauf stossen.
hohe Absätze
was fällt dir unmittelbar ein, wenn du den Ausdruck hohe Absätze hörst? [!!]
Kommentar: Sicherlich würden sich gerade hier weitere Themen anschliessen. Auch hier Vorsicht: Unsere Assoziation muss keineswegs die von Herrn Träumer sein!
was hat das mit den hohen Absätzen deines Traumes zu tun?
wie genau sahen diese aus? (Material, Form)
wo sind dir je ähnliche hohe Absätze begegnet? (auch in Filmen, Bildern...)
Kommentar: Hier wäre die Assoziation naheliegend: Hohe Absätze, falls solche wirklich gemeint sind, bilden eine Treppe aus einer Perspektive, in der man selbst winzig klein ist. Ob Herr Träumer diese Assoziation hat? Vorsicht siehe oben.
Weitere Fragen, die vermutlich in einer späteren Gesprächsphase kämen:
warum wolltest du im Traum in deine Wohnung? (hängt von der Antwort auf die Frage ab, ob er allein dort wohnt oder nicht...)
wo kamst du her? (und so weiter ...)
welche Tageszeit ist es?
gibt es einen Unterschied zu der Zeit, wo du normalerweise "deine Wohnung erreichst"?
Dann Fragen von einem ganz anderen Typus, den ich aber hier nicht weiter kommentieren will:
was verbindet "Wohnung" mit "Schwierigkeiten"?
was ist an "hohen Absätzen" "halsbrecherisch"?
was hat der Ort, die Tätigkeit, wo du herkamst, mit Leitern zu tun? was mit hohen Absätzen? usw...
Und seine Bemerkung, dass er "immer wieder" diesen Traum hat, ist ein weiteres wichtiges Merkmal:
Wie häufig kommt der Traum?
Gibt es Variationen seines Inhaltes?
Wie ist die Gefühlslage beim Aufwachen?
An welcher Stelle des Traumes wachst du auf?
Was meinst du, warum du gerade dann aufwachst, und nicht früher, oder später?
Kommentar: Hier wäre zu beobachten, wie Herr Träumer das formuliert: Sagt er "dann/hier bricht der Traum ab" oder "dann/hier werde ich wach" ?
Alle solche Fragen (ganz zu schweigen von Fragen über die sonstigen Lebensumstände, Beruf usw. des Träumers) sind jedenfalls nichts als Weichen, an denen das Gespräch sich in eine jeweilige Richtung entwickelt. Diese speziellen hier halten sich natürlich nur am bisherigen von Herrn Träumer vorgegebenen Text auf, was bei einem realen Gespräch nicht der Fall wäre - abgesehen davon, dass der Text des manifesten Trauminhaltes dann viel ausführlicher wäre.
Und alle Dechiffrierungen der latenten Traumgedanken liegen ausschliesslich bei den Reaktionen von Herrn Träumer... :-)
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> Ich würde gerne wissen ob jemand einen echten Traumdeuter kennt?
> Ich habe seit meine Kindheit die merkwürdigsten Träume. Einerseits von Ereignissen die eintreffen werden und sind. Und anderer Seits träume die ich einfach Zeug was ich nicht verstehe. Kann mir jemand einen Traumdeuter empfehlen der auch Ahnung hat? Denn bis jetzt wurde mir immer nur die persönlich Meinung zu meinen Träumen gesagt, was mir alledings nicht weiter helfen konnte.

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