�Du glaubst, Liebe sei etwas, was sie gar nicht ist. Du identifizierst Liebe mit deinen Gef�hlen. Deshalb glaubst du, Liebe sei ein Gef�hl. Das ist sie nicht." Wieder blieben wir in aktives Schweigen geh�llt.
Dann: �Du verstehst nicht, dass Liebe eine Verpflichtung bedeutet, eine tiefe Verpflichtung, nicht vom Verstand ausgehend, son�dern vom Herzen. Man liebt nicht mit dem Verstand, man liebt mit dem Herzen. Liebe ist auf einer tieferen Ebene be�heimatet als Gef�hle. Du kannst sie auch nicht mit deinen Gef�hlen aufsp�ren. Das hat bei deinem Volk viel Verwir�rung gestiftet. Sie glauben, sie m�ssten etwas f�hlen, wenn man der Liebe begegnet. Manchmal f�hlen sie etwas, manch�mal nicht. Dein Volk versteht nicht, dass Liebe eine Dimen�sion wie Raum oder Zeit ist. Liebe ist alles, was existiert. Sie steht hinter aller Sch�pfung. Die Sch�pfung wurde aus ihr hervorgebracht und dr�ckt Liebe aus, aber sie ist nicht selbst Liebe. Sie ist vielmehr Liebe, die in die Tat umgesetzt wird."
Er hielt wieder inne. Die Stille war kraftvoll. Er fuhr fort:
�Liebe ist die Dimension mit der gr��ten Tiefe. Sie wird nicht von dir erschaffen. Weil du etwas f�hlst, das du mit Liebe in Verbindung bringst, glaubst du, das sei deine Liebe. Doch kannst du Liebe nicht in dir selbst erzeugen. Du kannst eini�ges hervorbringen, aber Liebe vermagst du nicht zu erschaffen.
In ihrer reinsten Form begegnet man ihr auf der Ebene der Stille. Der Materie, der Energie und allen Dingen, denen man in der physischen oder geistigen Welt begegnen kann, liegt Liebe zugrunde. Liebe ist das Grundelement von allem.�
Wieder herrschte tiefes Schweigen. Schlie�lich entgegnete ich: �Was du sagst, klingt so unpers�nlich."
�Das ist deshalb so, weil du nicht verstehst", antwortete er. Er hatte recht: Ich verstand nicht.
�Wenn Liebe in ihrer reinsten Form erscheint, erkennen sie die Menschen nicht, weil sie von ihr erwarten, etwas anderes zu sein, als sie ist. So war es immer, und so ist es auch mit dir. Die Liebe kommt, und sie bleibt dir verborgen. Du versuchst st�ndig, sie zu etwas zu machen, was sie nicht sein kann. Du m�chtest, dass sich Liebe gut anf�hlt. Manchmal ist das der Fall, manchmal nicht. Du m�chtest, dass dir die Liebe ein gutes Gef�hl dir selbst gegen�ber vermittelt, doch zuweilen enth�llt sie Dinge, die du an dir selbst verabscheust. Liebe f�hrt dich zur�ck in tiefere Schichten deines Wesens, hin zu deinen Anf�ngen, oder sie treibt dich voran in neue Bereiche, zu deinem Ende hin. Liebe ist der Anfang und das Ende. Liebe ist die Essenz, der alle Dinge entstammen und zu der alles hinstrebt. Sie ist die innere Natur des Universums. Sobald du ihr begegnest, wirst du verwandelt; du musst verwandelt werden, denn die Liebe ist st�ndig im Wandel begriffen."
In meinem Kopf drehte sich alles. Ich konnte das nicht auf einmal verarbeiten.
�Ich kann nicht alles verstehen. Es ist zuviel, und es ging zu schnell."
�Du wirst nicht alles gleich verstehen, doch wirst du dich meiner Worte erinnern, und du wirst sie dann begreifen, wenn die Zeit reif ist.
Ich werde dir heute noch etwas mehr �ber die Liebe er�z�hlen. Du bist dem B�sen begegnet. Du wei�t, dass es real ist. Das B�se, auf das du getroffen bist, war das B�se, das du selbst geschaffen hast.Doch es gibt Zeiten, in denen du dem B�sen begegnest, das von anderen geschaffen wurde. Wenn das eintritt, stehen dir vier M�glichkeiten offen.
Du kannst dich entscheiden:
- das B�se zu ignorieren,
- davonzulaufen,
- seine Grenzen zu bestimmen oder
- seine Auswirkungen bereitwillig zu erdulden.
Wenn du es ignorierst oder gar keine Entscheidung triffst, wirst du sein Opfer.
Wenn du davonl�ufst, machst du dich verwundbar f�r Angriffe, denn das B�se k�nnte sich nun seinerseits entscheiden, dich anzufallen.
Legst du seine Grenzen fest und verteidigst sie dann, wirst du seine Auswirkungen beschr�nken.
W�hlst du die vierte M�glichkeit und entscheidest dich bereitwillig, die Auswirkungen des B�sen auf dich zu nehmen, kannst du seine Macht ins Gute verkehren. Wenige treffen diese Wahl, aber diejenigen, die es tun, ver�ndern die Welt. Die vierte M�glichkeit kann nur durch Liebe herbeigef�hrt werden. Sie ist die wirksamste von allen.
Erinnere dich an das, was ich dir gesagt habe! Erinnere dich an meine Worte! Doch erinnere dich auch daran, dass die Wahrheit nicht in den Worten selbst liegt, sondern in der Stille zwischen ihnen. In der Stille spricht die Liebe."
Es folgte eine weitere, lange Phase des Schweigens. Dann stand er auf und wandte sich mir zu. Ich erhob mich und stand ihm gegen�ber. Er sprach wieder: �Ich werde gehen, und doch bleibe ich hier. �Bedenke: Liebe ist nicht das, wof�r du sie h�ltst! Friede sei mit dir!� Bei diesen Worten hob er die Hand in der klassischen Geste der Indianer. Der �rmel seines ledernen Kleides rutschte zur�ck und gab seine Hand frei. Ich konnte eine h�ssliche, tiefe Wunde in der In�nenfl�che seiner Hand knapp �ber dem Gelenk sehen.
Ich schnappte nach Luft.�Wer bist du?" fragte ich erwartungsvoll. Aber er war verschwunden.
Ich sa� immer noch versunken und nachdenklich am Feuer, als die D�mmerung in gl�henden Farben den Himmel �ber�zog. Nach einer Weile l�schte ich aus, was noch glimmte, und machte mich langsam auf den R�ckweg zum Dorf Als ich am Fu� des H�gels angelangt war, sah ich Fliegenden Adler forsch wie einen Mann in den Zwanzigern auf mich zugehen.
�Guten Morgen!" dr�hnte er. �Wie war die Nacht im Wald?"
Ich befand mich immer noch in einer Art Schockzustand.
�Ich versuche unabl�ssig zu verarbeiten, was geschehen ist. Seine Hand, die Wunde in seiner Hand..."
Fliegender Adler sah mir tief in die Augen und l�chelte sanft. �Du kennst das Geheimnis, nicht wahr? Er sagte, er w�rde dir seine Wunde zeigen. Ich dachte, es w�re noch zu fr�h, aber er meinte, du seiest bereit."
�Sternen-Mann ist Jesus, nicht wahr?"
�Ja." Er legte mir die Hand auf die Schulter, und wir gin�gen langsam dem Dorf zu. �Er zeigt seine Wundmale nicht jedermann, nur einigen wenigen. Mich lie� er sie bei seinem dritten Besuch sehen. Ich brauchte einige Tage, um es zu verstehen. Dann ging mir ein Licht auf Wir haben die gleiche Religion, doch ihr sollt von uns lernen, was wir �ber die Natur wissen. Wir sollen von euch lernen, was ihr �ber Ver�gebung wisst. Es ist der gleiche Geist, und wir sind Br�der. Ich versuchte, dem Missionar diese Dinge auseinander zu setzen, als er kam. Er wollte nicht h�ren und versuchte ein�dringlich, mir von Jesus zu erz�hlen. Ich wiederholte st�ndig, dass ich Jesus bereits kenne, aber er wollte nicht auf mich h�ren. Er sprach �ber die Kirche und dass wir unsere heidni�schen Br�uche lassen m�ssten und wie wir statt dessen werden sollten. Ich wollte jedoch keinesfalls so werden wie er. Mir war Jesus im Wald am Feuer begegnet, und ich durfte mit ihm sprechen. Er hatte in meiner eigenen Sprache zu mir geredet und mich �ber den Geist und die wahre Bedeutung von Ritualen belehrt. Der Missionar verlangte von mir, all das zu vergessen und einem Jesus zu folgen, von dem er nur geh�rt hatte. Ich konnte ihn nicht dazu bringen zu verstehen. Aber ich glaube, dass du begreifst. Jetzt bist du Sternen-Mann begegnet und kennst seinen anderen Namen."
�Er hat mich �ber die Liebe belehrt", sagte ich. �Ich habe wenig von dem, was er mir gesagt hat, verstanden. Es hat mich verwirrt, und ich konnte nicht alles erfassen."
�Es dauerte viele Jahre, bevor ich alles begriff, was er mich �ber Liebe gelehrt hatte. Er sagte mir, dass Liebe nicht das sei, wof�r ich sie hielte. Er meinte, dass ich den Gro�en Geist gesucht habe, weil ich w�nschte, dass er mir diene, meine Bed�rfnisse befriedige und mir Weisheit und Wissen ver�mittle. Er sagte weiter, dass ich die wahre Bedeutung der Liebe erfahren w�rde, wenn ich bereit w�re, den Wunsch aufzugeben, dass mir der Geist dienen m�ge - und wenn ich bereit w�re, f�r mein Volk zu sterben.
Das erschien mir l�cherlich. Ich wollte keinem Geist dienen, der etwas Derartiges von mir verlangte. Doch nach und nach begann ich, den Sinn zu verstehen, und erkannte schlie�lich, dass er recht hatte. Ich wusste �berhaupt nicht, was Liebe eigentlich ist; ich hatte nur geglaubt, das zu wissen. Er hob hervor, dass Liebe kein Gef�hl sei, aber ich konnte ihm nicht glauben, weil ich ihm nicht glauben wollte. Ich bestand darauf, dass sich Liebe f�r mich gut anf�hlen m�sse. Er sagte mir, die Liebe mache mich so stark, dass ich f�hig w�rde, mein Leben f�r andere aufzugeben. Ich hatte das nicht gewollt. Doch allm�hlich be�gann ich zu verstehen, und so wird es auch bei dir sein. Ich wollte der Mittelpunkt meines eigenen Lebens und meines eigenen kleinen Universums sein, doch wir sind nicht dieser Mittelpunkt. Allein die Liebe ist es. Als ich aufh�rte, mir von der Liebe dienen zu lassen, damit sie meine Bed�rfnisse be�friedige oder mir ein Wohlgef�hl vermittle, entdeckte ich ihre wahre Natur. Die Liebe ist nicht mehr so sch�n, wie ich sie fr�her sah - sie ist viel wunderbarer."
�Fliegender Adler, der Gedanke an diese Wunde geht mir st�ndig im Kopf herum. Als ich in meiner Kindheit erfuhr, dass Jesus aus Liebe zu den Menschen gestorben war (eben auf die Weise, wie er gestorben ist), dachte ich automatisch, dass er f�r sie ein zartes Gef�hl gehegt haben musste, das ich Liebe nannte. Irgendwie hat der Anblick der Wunde dieses Bild f�r mich zerst�rt. Ich kann mir nicht mehr l�nger einen Mann vorstellen, der mit einer solchen Wunde am Kreuz h�ngt, nur weil er eine liebevolle 'W�rme f�r andere Men�schen empfindet. Wenn es bei seinem Tod um Liebe ging, dann muss Liebe etwas Realeres und M�chtigeres sein als ein Gef�hl der W�rme."
�Allm�hlich begreifst du es", sagte er schlicht. �Die Wunden sind der Schl�ssel zum Verst�ndnis dessen, was Liebe wirklich bedeutet. Denke weiter �ber sie nach! Stelle fest, was sich daraus ergibt! Wir werden sp�ter noch ausf�hrlicher dar�ber reden."
'Wir erreichten das Dorf, wo er mich im Speiseraum zur�cklie�. Ich verzehrte mein Fr�hst�ck rasch, ging in mein Zimmer und legte mich nieder. Aber ich konnte nicht schla�fen; ich musste st�ndig an die Wundmale denken. Als Jesus den J�ngern nach der Kreuzigung erschien, zeigte er ihnen die Wundmale. War das vielleicht mehr als nur eine Art, ihnen zu beweisen, wer er war? Als ich die Wunde sah, er�kannte ich ihn als Jesus, aber dieser Anblick veranlasste mich auch, meine Auffassung vom wahren Wesen der Liebe zu ver�ndern. Ich hatte mich immer darauf verlassen, dass Liebe an einem Gef�hl zu erkennen w�re. Pl�tzlich erkannte ich sie nun in einer h�sslichen, klaffenden Wunde wieder. Ich konnte nicht mehr an den Punkt zur�ck, an dem ich Liebe nur als ein Gef�hl betrachtete...
Quelle: Patton L. Boyle, "Der Ruf des Falken", Ansata Verlag, Seite 67-73
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